EJE Gut Ettenhausen Andrea Stollfuss

Andrea Stollfuß – Trainingsanalyse
E Q U E S T R I A N
Empathic Jump Experience

Persönliche Trainingsanalyse für Andrea Stollfuß & Lordi

DIMENSION VOR DEM LEHRGANG NACH TAG 1 NACH TAG 2
Technisches Können
Flow & Leichtigkeit
Körperliche Entspannung
Loslassen-Können
Wohlgefühl im Sattel
● Solide Basis ◐ In Arbeit ○ Baustelle
AUSGANGSLAGE
Zu viel Richtig-Machen
TAG 1
10% weniger
TAG 2
Der Kontroll-Rückfall
01
VOR DEM LEHRGANG
Wenn Perfektion die Freude kostet
WAS WIR GESEHEN HABEN

Ein harmonisches Paar mit viel Erfahrung. Andrea und Lordi kennen sich, verstehen sich, funktionieren zusammen. Die technische Basis ist solide, die Linienführung funktioniert.

Es gibt keine Sicherheitsrisiken. Keine akuten Probleme. Auf den ersten Blick: alles gut.

Aber unter der Oberfläche läuft ein Muster ab, das genau das verhindert, was Andrea sich wünscht: Sich gut fühlen. Leichtigkeit. Flow. Spaß.

DIE KÖRPERLICHEN MARKER

Sobald ein Sprung in Sicht kommt, passiert Folgendes:

  • Oberkörper: Geht 2-3 Galoppsprünge vorher in eine statische Vorlage
  • Hand: Wird ziehend statt begleitend, sobald die Distanz unklar scheint
  • Atmung: Wird flacher oder stoppt komplett
  • Becken: Verliert das elastische Mitschwingen, wird fest
WAS IN DEINEM KOPF PASSIERT

Das ist kein technisches Defizit. Es ist ein mentales Übernehmen-Wollen.

Du versuchst, alles „richtig“ zu machen. Du willst Lordi nicht im Weg stehen. Du willst die perfekte Distanz liefern. Du übernimmst Verantwortung für jeden Galoppsprung, jede Wendung, jeden Absprungpunkt.

Aber hier ist die harte Wahrheit: Dieser Versuch, nicht zu stören, ist genau das, was stört.

Die statische Vorlage nimmt Lordi die elastische Verbindung. Die ziehende Hand blockiert seine Schulter. Die Atmungs-Blockade überträgt sich auf dein Becken – und damit auf Lordis Rücken.

Du willst helfen. Aber du behinderst.

AUSWIRKUNG AUF LORDI

Lordi ist ein braves, geduldiges Pferd. Er wartet auf dich. Er kompensiert. Er springt trotzdem.

Aber:

  • Er verliert den Schwung aus dem Hinterbein durch deine Festigkeit
  • Die Sprünge werden „eckiger“ statt rund
  • Er muss kraftvoller arbeiten, wo er fließen könnte
  • Das macht die Sprünge weniger komfortabel – für seinen Rücken und für deinen

Die Ironie: Du versuchst, Lordi zu schützen, indem du alles richtig machst. Aber genau dadurch muss er härter arbeiten.

Und für dich bedeutet das: Weniger Flow. Mehr körperliche Anstrengung. Weniger von dem Gefühl, das du eigentlich suchst.

02
TAG 1
Die 10%-weniger-Regel
WAS PASSIERT IST

Am ersten Tag wurde das Muster klarer sichtbar. In der konzentrierten Lehrgangssituation kam dein Wunsch, alles richtig zu machen, noch stärker durch.

Aber es gab auch Momente des Durchbruchs. Momente, in denen du losgelassen hast – und sofort wurde es besser.

DAS ZENTRALE MUSTER VON TAG 1

„Over-Responsibility“ – Du übernimmst zu viel Verantwortung vor dem Sprung.

In der Distanzsuche wird dein Becken passiver, dein Oberkörper fixierter. Die Hand bleibt zwar konstant, aber sie könnte in der allerletzten Phase vor dem Absprung noch „atmender“ sein – um Lordi maximale Freiheit im Hals zu lassen.

Das deutet auf einen tiefen Glaubenssatz hin: „Ich muss ihm die Distanz perfekt servieren, um ihn zu schützen.“

WAS LORDI DIR GEZEIGT HAT

Lordi ist ein extrem ehrlicher Partner. Er gibt dir sofortiges, klares Feedback:

Wenn du loslässt, springt er runder durch den Körper.
Wenn du kontrollierst, wird der Sprung flacher.

Das ist keine Meinung. Das ist biomechanische Realität. Dein Loslassen gibt ihm Raum. Dein Festhalten nimmt ihm Raum.

Der Durchbruch-Moment:

In den Momenten, wo du „10% weniger“ gemacht hast – weniger korrigiert, weniger kontrolliert, weniger perfekt sein wolltest – wurde es besser.

Nicht weil Lordi plötzlich besser springen konnte. Sondern weil du ihm endlich die Erlaubnis gegeben hast, es zu tun.

DER VERTRAUENS-VORSCHUSS

Der Anker, der dir gegeben wurde: „Die 10% weniger“.

Das bedeutet nicht: Passiv werden. Oder aufgeben. Oder egal sein.

Es bedeutet: Vertraue darauf, dass Lordi genug Eigenmotivation hat. Dass dein Auge gut genug ist. Dass du die Distanz nicht erzwingen musst.

Lege den Fokus nicht auf die Distanz, sondern auf das Gefühl der Hinterhand. Wenn die Hinterhand aktiv ist, regelt sich die Distanz von selbst.

03
TAG 2
Wenn das Wissen zum Druck wird
DIE ESKALATION

Tag 2 brachte eine höhere Grundspannung – typisch für den Fortschritt eines Lehrgangs. Die Anforderungen steigen, die Konzentration intensiviert sich.

Und mit der Intensität kam das alte Muster zurück. Verstärkt.

Die „Suche“ nach der Distanz wurde intensiver. Das „Vorzuentscheiden“ noch ausgeprägter.

DIE KÖRPERLICHEN MARKER DES RÜCKFALLS
  • Blick: Fixiert das Hindernis sehr früh und intensiv – Tunnelblick
  • Becken: Das Mitschwingen wird 3-4 Sprünge vor dem Hindernis durch statische Stabilität ersetzt
  • Atmung: Stoppt in der kritischen Phase
  • Sitz: Die elastische Verbindung wird durch eine starre Haltung ersetzt
WAS WIRKLICH PASSIERT IST

Du wolltest Lordi „passend bringen“. Du wolltest ihm die Arbeit abnehmen. Du wolltest Verantwortung übernehmen – aus Fürsorge.

Aber hier ist die brutale Wahrheit:

Wenn du „einfrierst“, verliert Lordi den Fluss im Galoppsprung.

Das führt zu den Momenten, in denen die Distanz „dicht“ wird oder er kraftaufwendiger abspringen muss. Nicht weil die Distanz objektiv schlecht war, sondern weil dein System seinen Fluss blockiert hat.

DAS PERFEKTIONISMUS-PARADOX

Du bist eine erfahrene Reiterin. Du weißt, was du tun solltest:

  • Rhythmus halten
  • Atmen
  • Weiche Hand
  • Elastisches Becken

Aber genau dieses Wissen erzeugt Druck. Der Druck erzeugt Kontrolle. Und die Kontrolle blockiert genau das, was du eigentlich willst: Flow.

Die mentale Falle:

„Ich weiß, was ich tun muss“ → „Ich muss es perfekt machen“ → Körperliche Anspannung → Lordi verliert Schwung → Sprung wird schwieriger → „Ich hätte es besser machen müssen“ → Noch mehr Druck beim nächsten Mal

WAS LORDI DIR GESAGT HAT

Lordi ist ein geduldiger Partner. Er wartet auf dein Signal. Er vertraut dir.

Aber genau dadurch wird dein Festhalten zum Problem: Er kann nicht fließen, wenn du ihn festhältst. Er kann nicht schwingen, wenn du statisch bist.

Lordi braucht nicht deine Perfektion. Er braucht dein Loslassen.

DAS FAZIT DIESER DREI TAGE

Die gute Nachricht: Du hast an Tag 1 gespürt, wie es sich anfühlt, wenn man „10% weniger“ macht. Du hast die Momente des Flow erlebt, in denen Lordi runder springen konnte, weil du ihm Raum gegeben hast.

Die harte Nachricht: Dein Wissen ist gleichzeitig deine größte Stärke und deine größte Falle. Du weißt, was „richtig“ ist – und dieser Wunsch nach „Richtigkeit“ blockiert die Leichtigkeit, die du suchst.

Die entscheidende Erkenntnis: Bei dir geht es nicht um mehr Technik. Es geht um weniger Kontrolle. Um das Vertrauen, dass gut genug auch gut genug ist. Dass Lordi nicht deine Perfektion braucht, sondern deine Gelassenheit.

„Flow entsteht nicht durch mehr Richtig-Machen.
Flow entsteht durch weniger Kontrollieren.

Wenn ich aufhöre, Lordi zu dirigieren,
und anfange, mit ihm zu tanzen,
findet sich die Leichtigkeit von selbst.“
DEINE WERKZEUGE FÜR MEHR FLOW
Weniger ist mehr – buchstäblich
WERKZEUG 1 – Lächeln & Atmen

Klingt banal, ist aber der biomechanische Schalter für ein lockeres Becken.

Wenn du lächelst, kann dein Kiefer nicht blockieren. Wenn dein Kiefer nicht blockiert, kann dein Becken nicht klemmen. Das ist physiologische Realität.

Übung: In jeder Wendung zum Sprung: Bewusst lächeln. Hörbar ausatmen. Klingt albern. Funktioniert.

WERKZEUG 2 – Die 10% weniger

Bewusst versuchen, 10% weniger zu machen. Nicht 50%. Nicht radikal loslassen. Nur 10% weniger korrigieren, weniger kontrollieren, weniger perfekt sein wollen.

Mantra: „Lordi hat genug Eigenmotivation. Ich darf Passagier sein.“

WERKZEUG 3 – Fokus auf das „Dahinter“

Den Blick nicht auf das Holz, sondern auf einen Punkt weit hinter dem Hindernis richten.

Das verhindert den Tunnelblick und hält automatisch die Vorwärtsbewegung bei. Wo der Blick hingeht, geht der Körper hin.

WERKZEUG 4 – Das Passagier-Gefühl

In der Anreitphase bewusst einmal tief ausatmen und Lordi „machen lassen“, solange der Rhythmus stimmt.

Mental: „Wenn der Rhythmus in der Wendung stimmt, ist die Arbeit zu 90% erledigt. Die letzten Meter gehören Lordi.“

WERKZEUG 5 – Hände als weiches Band

Die Hand ist kein Steuerungsinstrument. Sie ist ein weiches Band, das Lordi die Richtung zeigt, aber nicht den Weg vorschreibt.

Check: Kannst du in der Anreitphase die Fäuste kurz öffnen, ohne dass sich was ändert? Dann ist die Hand weich genug.

KRITISCHE REGEL:

Im Training: Wähle EIN Werkzeug pro Ritt. Nicht drei. Nicht fünf. Eins.

Dein Favorit sollte „Lächeln & Atmen“ sein – es deckt Entspannung, Rhythmus und Becken-Lockerheit ab. Und es funktioniert sofort.

DEIN 4-WOCHEN-PLAN
Vom Dirigieren zum Tanzen

Dieser Plan ist kein technischer Drill. Es ist ein Loslassen-Programm. Für mehr Flow, mehr Leichtigkeit, mehr Spaß im Sattel.

WOCHE 1 – DAS PASSAGIER-GEFÜHL FINDEN
Motto: „Lordi darf führen“

Die Regel: Alle Sprünge bleiben niedrig und komfortabel. Kein Druck, keine Perfektion. Nur das Gefühl zählt.

Drill A – Die „Sorgenfreie Gasse“:

  • Baue eine Reihe aus 3-4 kleinen Cavaletti oder Gymnastiksprüngen auf
  • Lege die Hände in die Mähne oder lasse den Zügel ganz locker
  • Surfe nur durch das Gefühl der Bewegung
  • Ziel: Vertrauen in den eigenen Körper und Lordis Rhythmus ohne Hand-Kontrolle

Drill B – Lächeln & Atmen (nicht verhandelbar):

  • In jeder Wendung: Bewusst lächeln
  • Hörbar ausatmen
  • Spüren, wie sich das Becken sofort lockert

Check nach jedem Ritt:

  • Wie fühlte sich mein Wohlgefühl im Sattel an? (1-10)
  • War ich mehr Passagier oder mehr Dirigent?
  • Hat Lordi sich locker angefühlt?
WOCHE 2 – BLICK-DISZIPLIN
Motto: „Wohin der Blick geht, geht der Flow“

Die Regel: Der Blick darf nicht auf das Hindernis fixieren, sondern geht weit darüber hinaus.

Training A – Farb-Symbole:

  • Klebe farbige Symbole weit hinter jeden Sprung (in Augenhöhe, 5-10m hinter dem Sprung)
  • Sage die Farbe laut, während du über den Sprung gehst
  • Wenn du die Farbe nicht siehst: Blick war zu kurz, noch mal

Training B – Das Blind-Fühl-Galoppieren:

  • Auf gerader Linie (ohne Sprung): Augen für 2-3 Galoppsprünge schließen
  • Spüre nur das Bewegungsgefühl der Hinterhand
  • Ziel: Intuition für den Rhythmus ohne visuellen Stress
WOCHE 3 – RHYTHMUS STATT DISTANZ
Motto: „Der Rhythmus macht die Distanz, nicht ich“

Die Regel: Distanzen werden nicht „gemacht“, sondern aus dem Rhythmus empfangen.

Drill A – Die Rhythmus-Linie:

  • Bodenstange 3 Galoppsprünge (ca. 10,50-11m) vor einen kleinen Steilsprung
  • Konzentriere dich darauf, den Rhythmus von der Stange bis zum Sprung identisch zu halten
  • Hand darf nicht eingreifen
  • Ziel: Lordi den Rhythmus „anbieten“ und ihn den Rest machen lassen

Drill B – 10% weniger bewusst üben:

  • Reite eine vertraute Übung
  • Bewusst 10% weniger Hand, 10% weniger Oberkörper-Einwirkung, 10% weniger Perfektion
  • Beobachte: Was passiert mit Lordi?
WOCHE 4 – FLOW-INTEGRATION
Motto: „Heute zählen keine Zentimeter, nur mein Lächeln“

Die Regel: Kleine Parcours mit allen gelernten Elementen. Fokus auf Wohlgefühl, nicht auf Perfektion.

Parcours-Training:

  • 6-8 Sprünge, alle in der Komfortzone
  • Ein Anker pro Durchgang: „Lächeln & Atmen“ (nicht verhandelbar)
  • Nach jedem Sprung: Kurz reflektieren – hat es sich gut angefühlt?

Wohlgefühl-Check:

  • Note 1-10 für das Wohlgefühl im Sattel
  • War ich Passagier oder Dirigent?
  • Hat Lordi sich leicht angefühlt?
  • Habe ich gelächelt?
Erfolgs-Indikator:
Du weißt, dass das Loslassen funktioniert, wenn:
→ Dein Wohlgefühl im Sattel bei 8+ von 10 liegt
→ Lordi nach dem Ritt entspannter wirkt als vorher
→ Du nach dem Training lächelst, nicht erschöpft bist
→ Die Distanzen sich „zufällig richtig“ anfühlen, ohne dass du sie gemacht hast
DER TRADE-OFF, DEN DU AKZEPTIEREN MUSST

Option A: Perfektion

  • Du versuchst, alles „richtig“ zu machen
  • Du kontrollierst jeden Galoppsprung, jede Distanz
  • Du wirst fest im Körper, Lordi muss härter arbeiten
  • Die Sprünge sind technisch okay, aber es fühlt sich nicht gut an
  • Am Ende bist du erschöpft, nicht erfüllt

Option B: Flow

  • Du lässt los, vertraust Lordi
  • Du bist Passagier, nicht Dirigent
  • Manchmal passt die Distanz nicht perfekt – aber es fließt
  • Lordi kann seinen Rücken nutzen, springt runder
  • Am Ende lächelst du, fühlst dich leicht und erfüllt

Du kannst nicht beides haben. Entweder Perfektion oder Leichtigkeit. Wähle Option B.

„Ich muss Lordi nicht perfekt dirigieren.
Ich darf mit ihm tanzen.

Wenn ich aufhöre zu kontrollieren,
und anfange zu fühlen,
findet sich der Flow von selbst.“
ZUM SCHLUSS

Andrea, dieser Lehrgang hat dir einen Spiegel vorgehalten. Nicht über deine Technik – die ist solide. Sondern über deine Beziehung zur Perfektion.

Du bist eine erfahrene Reiterin. Du weißt, was „richtig“ ist. Und genau dieses Wissen ist gleichzeitig deine größte Stärke und deine größte Falle.

Lordi braucht nicht deine Perfektion. Er braucht dein Loslassen. Er braucht eine Reiterin, die mit ihm tanzt, statt ihn zu dirigieren.

An Tag 1 hast du gespürt, wie es sich anfühlt, wenn man „10% weniger“ macht. Diese Momente des Flow, in denen Lordi runder springen konnte, weil du ihm Raum gegeben hast.

Das ist kein Zufall. Das ist die Wahrheit.

Die nächsten Wochen sind nicht dazu da, mehr zu lernen. Sondern um zu verlernen: Die Kontrolle. Die Perfektion. Das ständige Richtig-machen-Wollen.

Du suchst Spaß. Leichtigkeit. Das Gefühl, im Sattel zu sein und sich gut zu fühlen. All das ist da – aber nur, wenn du es zulässt.

Die Frage ist nicht, ob Lordi dir vertraut.
Die Frage ist: Vertraust du Lordi genug, um loszulassen?

P.S.:

Das „Lächeln & Atmen“ ist nicht verhandelbar. Jeden Ritt, jeden Sprung, 4 Wochen lang.

Klingt albern. Funktioniert garantiert.

Wenn du aufhörst zu lächeln, fängst du an zu kontrollieren. So einfach ist das.

Andy Candin
EMPATHIC JUMP COACH
VA Equestrian | Empathic Jump Experience
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