EJE Gut Ettenhausen Anna Wrede

Anna Wrede – Trainingsanalyse
E Q U E S T R I A N
Empathic Jump Experience

Persönliche Trainingsanalyse für Anna Wrede & Jack

DIMENSION VOR DEM LEHRGANG TAG 1 TAG 2 (NIEDRIG) TAG 2 (HOCH)
Technisches Können
Grundtempo / Rhythmus
Mentale Sicherheit
Hand-Softness
Vertrauen in Jack
● Solide Basis ◐ In Arbeit ○ Baustelle
AUSGANGSLAGE
Kontroll-Sicherheit
TAG 1
Mehr Tempo = Mehr Flow
TAG 2
Der Höhen-Trigger
01
VOR DEM LEHRGANG
Das Erzwingen der perfekten Distanz
WAS WIR GESEHEN HABEN

Parcours-Sequenzen in der Halle mit gutem technischem Fundament. Die Basisqualität des Galopps ist da, die Linienführung funktioniert. Du und Jack habt ein funktionierendes System.

Es gibt keine akuten Sicherheitsrisiken. Die Verbindung ist grundsätzlich etabliert.

Aber unter der Oberfläche läuft ein Muster ab, das die letzte Feinheit blockiert – und das bei höheren Anforderungen zum Problem werden wird.

DIE KÖRPERLICHEN MARKER

In der Phase 2-3 Galoppsprünge vor dem Sprung passiert Folgendes:

  • Hand: Wird fest, zieht leicht rückwärts – der „Sicherheitsanker“
  • Oberkörper: Geht einen Bruchteil zu früh in Erwartungshaltung nach vorne
  • Atmung: Wird flacher oder stoppt
  • Blick: Fixiert starr auf die Stange, statt weit nach vorne
WAS IN DEINEM KOPF PASSIERT

Das ist kein technischer Fehler. Es ist „Kontroll-Sicherheit“.

Du versuchst, die Distanz in den letzten Galoppsprüngen zu „erzwingen“, statt sie aus dem flüssigen Grundtempo entstehen zu lassen. Dein Gehirn sagt: „Ich muss den perfekten Punkt treffen – ich korrigiere jetzt.“

Aber hier ist die harte Wahrheit: Diese Korrektur blockiert den Vorwärtsfluss. Sie macht die Distanz nicht besser – sie macht sie schlechter.

Du definierst gutes Reiten über Präzision. Aber im Springen gilt: Rhythmus schlägt Perfektion. Lieber einmal groß kommen, aber im Fluss bleiben, als die „perfekte“ Distanz durch Festhalten zu erzwingen.

AUSWIRKUNG AUF JACK

Jack reagiert ehrlich auf deine Einwirkung:

  • Bei unpassenden Distanzen wird er im Rücken fest
  • Die feste Hand nimmt ihm die Freiheit in der Schulter
  • Er verliert die Leichtigkeit im Absprung
  • Er springt trotzdem – aber er muss härter arbeiten als nötig

Die Ironie: Du versuchst, durch Kontrolle zu helfen. Aber die Kontrolle ist genau das, was Jack behindert.

Jack ist loyal. Er springt für dich. Aber er zahlt den Preis für dein Bedürfnis nach Perfektion.

02
TAG 1 & TAG 2 (NIEDRIGE HÖHE)
Der Durchbruch: Mehr Tempo = Mehr Vertrauen
WAS PASSIERT IST

Die erste Runde war mäßig. Das alte Muster war noch da: Festhalten, Kontrollieren, den Fluss unterbrechen.

Aber dann kam die zweite Runde – und mit ihr ein Durchbruch.

Mehr Grundtempo.

Und plötzlich funktionierte es. Die Distanzen passten besser, Jack konnte freier springen, die Harmonie war da. Nicht weil du präziser geritten bist, sondern weil du weniger korrigiert hast.

Die Tempo-Wahrheit:

Mehr Grundtempo bedeutet nicht „schneller“. Es bedeutet: Mehr Energie im System. Mehr Schwung, der die Distanz trägt. Weniger Zeit zum Nachdenken und Korrigieren. Weniger Raum für Kontroll-Reflexe.

Das Tempo hat dich gezwungen loszulassen. Und genau dadurch wurde es besser.

WAS DU GELERNT HAST

In dieser zweiten Runde hast du einen fundamentalen Shift erlebt:

Von „Ich muss die Distanz machen“ zu „Ich lasse den Rhythmus die Distanz machen“.

Das ist nicht nur eine technische Anpassung. Das ist eine mentale Transformation.

Du hast gespürt, wie es sich anfühlt, wenn man dem System vertraut, statt es zu kontrollieren. Und Jack hat dir sofort gezeigt: „Wenn du mich lässt, kann ich das.“

03
TAG 2 (HÖHERE HÖHE)
Der Höhen-Trigger: Wenn Angst zu Blockade wird
DIE FRAGE

„Wollt ihr höher springen?“

Deine Antwort: „Ja.“

Aber war das ein echtes Ja? Oder ein soziales Ja?

Die Falle des sozialen Ja:
In einer Gruppe antworten wir oft mit „Ja“, weil wir:
  • Die Gruppendynamik nicht stören wollen
  • Uns selbst beweisen wollen, dass wir mutig sind
  • Nicht als „ängstlich“ wahrgenommen werden wollen
  • Denken, wir müssen die Komfortzone verlassen, um zu wachsen
Aber ein Ja aus sozialem Druck ist kein echtes Ja. Es ist eine Lüge gegenüber dir selbst und gegenüber deinem Pferd.
WAS WIRKLICH PASSIERT IST

Mit der Höhe kam die Unsicherheit. Und mit der Unsicherheit kam das alte Muster zurück – aber verstärkt.

Du wurdest „extrem unsicher“.

Das ist nicht meine Interpretation. Das sind deine eigenen Worte nach dem Training.

Und in dieser Unsicherheit passierte etwas Entscheidendes: Dein System schaltete von „Vertrauen“ auf „Schutz“.

DER MENTALE SHIFT: RETREAT TO SAFETY

Je höher der Sprung, desto mehr:

  • Zog dein Oberkörper zurück – „Retreat to Safety“
  • Bliebst du „hinter der Bewegung“
  • Klemmte dein Becken und Bein in der Wendung
  • Ging deine Hand nicht weich mit im Moment des Absprungs

Du hast Jack am Sprung alleine gelassen.

Nicht körperlich. Aber mental. Dein Gehirn war im Überlebensmodus, nicht im Pilot-Modus.

DIE IRONIE DER FÜRSORGE

Du hast nach dem Training gesagt: „Ich habe Angst, Jack zu schaden.“

Das ist ein Zeichen von hoher Ethik. Von Verantwortungsbewusstsein. Von Liebe zum Pferd.

Aber hier ist die brutale Ironie:

Genau diese Angst, Jack zu schaden, führt dazu, dass du ihm schadest.

Die feste Hand stört ihn im Maul. Der zurückgezogene Oberkörper behindert ihn im Rücken. Die Blockade in deinem Becken überträgt sich auf seine Hinterhand.

Du versuchst zu schützen – aber du behinderst.

Die mentale Falle:

„Ich darf Jack nicht überfordern“ → Unsicherheit steigt → Körper wird fest → Jack muss härter arbeiten → Sprung wird technisch schlechter → Angst bestätigt sich: „Ich habe ihm geschadet“ → Unsicherheit verstärkt sich
WAS JACK DIR GEZEIGT HAT

Jack ist ein loyaler Partner. Er hat trotz deiner Unsicherheit gesprungen. Er hat kompensiert. Er hat gekämpft.

Aber er hat dabei die Leichtigkeit verloren. Er musste kraftvoll abfußen, wo er hätte fließen können. Er musste sich durchsetzen, wo er hätte tanzen können.

Jack braucht nicht deine Vorsicht. Er braucht deine Klarheit.

Eine weiche, mitgehende Hand schützt ihn mehr als eine feste, „vorsichtige“ Hand.

DAS FAZIT DIESER DREI TAGE

Die gute Nachricht: Du hast die Fähigkeit gezeigt, loszulassen. In der zweiten Runde auf niedrigerer Höhe war der Flow da. Du hast gespürt, wie es sich anfühlt, wenn Vertrauen statt Kontrolle führt.

Die harte Nachricht: Bei höheren Anforderungen kollabiert dein System. Nicht technisch – mental. Du fällst von Autonomie zurück in Überlebensmodus. Von Pilotin zur Passagierin, die hofft, dass nichts schiefgeht.

Die entscheidende Erkenntnis: Du und Jack seid noch kein eingespieltes Team. Das Vertrauen ist fragil. Und auf fragiles Vertrauen kann man keine Höhe aufbauen – nur Druck, der das Fundament weiter destabilisiert.

„Ein souveränes NEIN zur Höhe
ist ein JA zum Pferdewohl.

Ehrlichkeit schlägt Heldentum.“

Das ist keine Schwäche. Das ist Leadership. Du bist die einzige Person, die entscheiden kann, was für Jack und dich richtig ist. Nicht der Trainer. Nicht die Gruppe. Du.

DEINE MENTALEN WERKZEUGE
Vertrauen aufbauen, nicht Mut beweisen
WERKZEUG 1 – Das ehrliche Nein

Wenn jemand fragt „Willst du höher springen?“ und dein Bauchgefühl sagt „Nein“, dann ist die Antwort: „Nein, heute nicht.“

Keine Rechtfertigung nötig. Keine Erklärung. Nur Ehrlichkeit.

Mantra: „Ich reite für Jack, nicht für die Gruppe.“

WERKZEUG 2 – Hände vor die Mähne

In der Anreitephase: Die Hand bleibt passiv-anbietend stehen, sie wandert Richtung Ohren. Sie korrigiert nicht aktiv in den letzten drei Galoppsprüngen.

Visualisierung: „Meine Hände geben Jack den Weg nach vorne frei.“

WERKZEUG 3 – Das Counting Game

Beginne 5 Galoppsprünge vor dem Sprung laut mitzuzählen: „5 – 4 – 3 – 2 – 1 – Jump!“

Das verhindert das mentale „Festbeißen“ an der Distanz, stabilisiert die Atmung und gibt deinem Gehirn eine konkrete Aufgabe.

Wann: Jeden Sprung. Auch im Training. Besonders bei Unsicherheit.

WERKZEUG 4 – Speed-Check

Einmal pro Runde laut „Galopp!“ sagen, um das Grundtempo aktiv im Bewusstsein zu halten.

Erinnerung: Das Tempo trägt die Distanz. Nicht deine Hand.

WERKZEUG 5 – Blick zum nächsten Ziel

Dein Blick geht nicht auf die Stange, sondern weit darüber hinaus zum nächsten Wendepunkt oder Hindernis.

Grund: Wo der Blick hingeht, geht der Körper hin. Ein weiter Blick hält dich im Flow.

KRITISCHE REGEL:

Die nächsten 4 Wochen: Keine Höhensteigerung. Erst wenn du 20 Ritte in Folge in deiner Komfortzone mit weicher Hand und stabilem Atem absolviert hast, darfst du über Höhe nachdenken. Vertrauen baut man in der Sicherheit auf, nicht unter Druck.

DEIN 4-WOCHEN-PLAN
Vertrauen aufbauen in der Komfortzone

Dieser Plan ist kein Höhen-Programm. Es ist ein Vertrauens-Programm. Zwischen dir und Jack. Zwischen dir und deiner Fähigkeit, loszulassen.

WOCHE 1 – KOMFORTZONE ETABLIEREN
Motto: „Sicherheit ist kein Rückschritt“

Die Regel: Alle Sprünge bleiben in der Höhe, bei der du dich 100% sicher fühlst. Keine Experimente. Keine Steigerung.

Training A – Das Counting Game (nicht verhandelbar):

  • Jeden Sprung: „5 – 4 – 3 – 2 – 1 – Jump!“ laut zählen
  • Wenn du vergisst zu zählen: Abbruch, noch mal von vorne
  • Ziel: 10+ Sprünge am Stück mit konstantem Zählen

Training B – Tempo-Stabilität:

  • Fokus auf gleichmäßiges Grundtempo, nicht auf Distanz
  • Einmal pro Runde laut „Galopp!“ sagen als Tempo-Check
  • Wenn das Tempo stirbt: Pause, neu anreiten

Check nach jedem Ritt:

  • War meine Hand weich beim Absprung? (Ja/Nein)
  • Habe ich durchgängig geatmet? (Ja/Nein)
  • Hat Jack sich locker angefühlt? (Ja/Nein)
WOCHE 2 – HAND-DISZIPLIN
Motto: „Die weiche Hand schützt mehr als die feste“

Die Regel: Jeder Sprung wird mit bewusster Hand-Führung geritten. Die Hand ist das Thema, nicht die Distanz.

Drill A – Hände-vor-Augen:

  • Visualisiere vor jedem Sprung: „Meine Hände geben Jack den Weg frei“
  • Im letzten Galoppsprung: Hände bewusst Richtung Mähne/Ohren
  • Nach dem Sprung: Sofort reflektieren – war die Hand weich?

Drill B – Der Test:

  • Im letzten Galoppsprung vor dem Absprung: Öffne die Fäuste kurz
  • Wenn sich dadurch was ändert → Hand war zu fest
  • Ziel: Fäuste öffnen können, ohne dass sich was ändert

Video-Analyse:

  • Filme 3-4 Sprünge
  • Analysiere: Wann wird die Hand fest? Bei welcher Art von Distanz?
  • Muster erkennen = Muster durchbrechen können
WOCHE 3 – RHYTHMUS-VERTRAUEN
Motto: „Der Rhythmus macht die Distanz, nicht ich“

Die Regel: Distanzen werden nicht „gemacht“, sondern aus dem Rhythmus empfangen.

Drill A – Low-High-Transition:

  • Baue eine Distanz auf: Erster Sprung niedrig (Komfortzone), zweiter etwas höher
  • Fokus: Im Körper darf sich beim zweiten Sprung nichts verändern
  • Wenn du am zweiten Sprung fest wirst: Sofort beide Sprünge wieder niedriger
  • Erst wenn 5x hintereinander beide Sprünge mit gleicher Softness: Minimal erhöhen

Drill B – Rhythmus-Linie:

  • 4-6 Bodenstangen oder Cavaletti im Galoppabstand
  • Konzentration nur auf gleichmäßiges Zählen: „1 – 2 – 1 – 2“
  • Hand bleibt die ganze Zeit passiv-anbietend
WOCHE 4 – STABILISIERUNG
Motto: „Konsistenz schlägt Spektakel“

Die Regel: Kleine Parcours in der Komfortzone. Fokus auf Konsistenz, nicht auf Steigerung.

Parcours-Training:

  • 6-8 Sprünge, alle in deiner Komfortzone
  • Counting Game bei jedem Sprung (nicht verhandelbar)
  • Nach jedem Durchgang: War die Hand weich? Habe ich geatmet? War Jack locker?

Selbstkorrektur-Protokoll:

  • Wenn du merkst, dass du fest wirst: Sofort Pause
  • Zurück zur Basis: 2-3 Sprünge niedriger, nur Rhythmus zählen
  • Erst wenn Softness wieder da ist: Weitermachen
Abschluss-Check nach 4 Wochen:
Erst wenn du 20 Ritte mit durchgängig weicher Hand, stabilem Atem und lockerem Jack absolviert hast, darfst du über Höhensteigerung nachdenken.

Und selbst dann: Nur 5 cm auf einmal. Und nur wenn dein Bauchgefühl ein echtes „Ja“ gibt, kein soziales.
DIE TRADE-OFFS, DIE DU AKZEPTIEREN MUSST

Option A: Höhe als Beweis

  • Du springst höher, um dir oder anderen etwas zu beweisen
  • Dein System kollabiert unter Druck – Hand fest, Körper blockiert
  • Jack muss härter arbeiten, verliert Leichtigkeit
  • Das Vertrauen zwischen euch wird brüchiger
  • Am Ende hasst ihr beide das Springen

Option B: Vertrauen als Fundament

  • Du bleibst in der Komfortzone, bis die Basis solide ist
  • Du lernst, loszulassen – nicht unter Druck, sondern in Sicherheit
  • Jack lernt, dass du verlässlich bist, auch wenn es schwierig wird
  • Die Höhe kommt später – aber mit solidem Fundament
  • Am Ende liebt ihr beide das Springen

Du kannst nicht beides haben. Entweder Höhe jetzt oder Vertrauen langfristig. Wähle Option B.

„Ich muss Jack nicht beweisen, dass ich mutig bin.
Ich muss Jack zeigen, dass ich ehrlich bin.

Ein weicher Sitz über 80 cm
ist wertvoller als ein fester Sitz über 1,10 m.“
ZUM SCHLUSS

Anna, dieser Lehrgang hat dir eine brutale Lektion erteilt. Nicht über Technik. Über Ehrlichkeit.

Du hast „Ja“ gesagt, als dein Bauchgefühl „Nein“ gerufen hat. Und Jack hat den Preis bezahlt. Nicht mit einem Sturz. Nicht mit einer Verweigerung. Aber mit harter Arbeit, wo Leichtigkeit hätte sein können.

Das ist kein Versagen. Das ist eine Diagnose. Jetzt weißt du, wo die Grenze liegt. Nicht bei der Technik. Sondern beim Vertrauen.

Du und Jack seid noch kein eingespieltes Team. Das braucht Zeit. Das braucht Wiederholung in der Sicherheit, nicht Herausforderung unter Druck.

Das ist keine Schwäche. Das ist Realität.

Die nächsten Wochen werden nicht spektakulär sein. Keine neuen Höhenrekorde. Keine Instagram-würdigen Momente. Sondern: Vertrauen. Aufgebaut in kleinen, unspektakulären Schritten.

Aber Jack wird dir jeden Tag zeigen, ob du auf dem richtigen Weg bist. Seine Lockerheit ist dein Kompass. Seine Leichtigkeit ist dein Beweis.

Die Frage ist nicht, ob Jack höher springen kann.
Die Frage ist: Kannst du ehrlich zu dir selbst sein?

P.S.:

Das nächste Mal, wenn jemand fragt „Willst du höher springen?“ und dein Bauch sagt „Nein“, dann ist deine Antwort: „Nein, heute nicht.“

Keine Rechtfertigung. Keine Erklärung. Nur Ehrlichkeit.

Das ist Leadership. Das ist Liebe zum Pferd. Das ist Mut.

Andy Candin
EMPATHIC JUMP COACH
VA Equestrian | Empathic Jump Experience
Nach oben scrollen